Call for Papers: Wohlbefinden von Grundschulkindern - Theorie- und forschungsbasierte Perspektiven sowie Implikationen für Schul- und Unterrichtsqualität
Themenheft der Zeitschrift für Erziehungswissenschaft (ZfE)
Sabrina Förster, Juliane Schlesier, Michaela Gläser-Zikuda & Tanja Betz
Hintergrund und Zielsetzung
Schulisches Wohlbefinden gilt als zentraler Indikator gelingender Bildungsprozesse und wird international als bedeutsame Ressource für Lernen, Entwicklung und Teilhabe diskutiert (OECD, 2023; Schnell et al., 2025). In der Forschung hat sich schulisches Wohlbefinden als mehrdimensionales, relativ stabiles (habituelles) Konstrukt etabliert, das kognitive Bewertungen, Emotionen sowie soziale Eingebundenheit im institutionellen Kontext Schule umfasst und in enger Beziehung zu Motivation, Leistung und psychischer Gesundheit steht (Hascher, 2004; Hascher et al., 2018). Für die Primarstufe unterstreichen kindzentrierte Perspektiven zusätzlich, dass Wohlbefinden im Schulalltag häufig an Beziehungsqualität, Zugehörigkeit und Kompetenz-/Bewältigungserleben gekoppelt ist und damit unmittelbar an Unterrichts- und Interaktionsmerkmale anschließt (Kellock, 2020; Klemp et al., 2025; Nentwig-Gesemann et al., 2025).
Gleichzeitig weisen aktuelle internationale Vergleichsbefunde und Berichte darauf hin, dass sich zentrale Indikatoren des kindlichen Wohlbefindens sowie der Bildungsergebnisse in mehreren Ländern ungünstig entwickeln: So ist im OECD-Durchschnitt der Anteil 15-Jähriger mit niedriger Lebenszufriedenheit in den letzten Erhebungswellen gestiegen (OECD, 2023). Für Deutschland zeigt sich ein Anstieg von 17% (2018) auf 22% (2022) (OECD, 2023). Der UNICEF Innocenti Report Card 19 ordnet entsprechende Entwicklungen zentraler Indikatoren kindlichen Wohlbefindens (u. a. Lebenszufriedenheit) sowie bildungsbezogener Kompetenzindikatoren im internationalen Vergleich ein und beschreibt Veränderungen im Zeitraum 2018 - 2022 vor dem Hintergrund globaler Krisen, Transformationsprozesse und gesellschaftlicher Unsicherheiten (UNICEF Innocenti, 2025) u.a. ursächlich durch die schulischen Schließungen aufgrund der vergangenen COVID-Pandemie.
Auch wenn diese Befunde vorrangig das Jugendalter adressieren, stützen sie eine klare Schlussfolgerung für die Primarstufe: Die Grundschule ist das erste dauerhaft prägende schulische Lernumfeld, in dem sich schulbezogene Emotionen, Zugehörigkeitserleben, Leistungs- und Kompetenzwahrnehmungen sowie Stress- und Bewältigungsmuster kumulativ bei Kindern entwickeln – und damit Ausgangsbedingungen für spätere Verläufe mitformen. Dass sozio-emotionale Schulmerkmale bereits im späten Grundschulalter mit Leistungsentwicklung zusammenhängen können, verdeutlichen längsschnittliche Befunde, nach denen ein stärkeres Zugehörigkeitserleben („school belonging“) in Klasse 4/5 die spätere Leistungsentwicklung mitvorhersagt (Sakellariou, 2025).
Vor dem Hintergrund eines wachsenden Forschungsinteresses zum Wohlbefinden im Schulkontext und einer zunehmenden Relevanz des Themas bestehen für die Primarstufe weiterhin zentrale Forschungsdesiderate:
- Viele Arbeiten sind sekundarstufenfokussiert und/oder nutzen breite Alterskohorten, ohne Primarstufenbefunde systematisch auszuwerten (Becker & Börnert-Ringleb, 2024; Hascher et al., 2018; Hoferichter & Schlesier, 2024; Marker et al., 2024).
- Begriffs- und Modellzugänge sind heterogen; es bleibt klärungsbedürftig (Schlesier & Obermeier, 2025), welche Dimensionen für Grundschulkinder theoretisch sinnvoll zu unterscheiden sind und wie sich Wohlbefinden zu verwandten Konstrukten (z. B. Lebenszufriedenheit, schulische Freude, sozio-emotionale Schulerfahrungen, psychische Gesundheit) abgrenzen lässt (Hascher, 2004; Hascher et al., 2018; Hascher & Hagenauer, 2020).
- In der empirischen Erfassung dominieren weiterhin querschnittliche Designs; längsschnittliche, mehrebenenanalytische und (mess-)invarianzprüfende Ansätze nehmen zwar zu, sind aber nicht durchgängig Standard. Zugleich berichten systematische Übersichten zur Primarstufe eine hohe Heterogenität von Operationalisierungen und Instrumenten, was Vergleichbarkeit und kumulative Evidenzbildung erschwert (Losada-Puente et al., 2024; Ömeroğulları & Gläser-Zikuda, 2022).
- Die Perspektiven von Grundschulkindern auf Wohlbefinden und Schule sind – wie die Schüler:innenforschung insgesamt – weiterhin seltener Gegenstand der Forschung als lehrkraft- bzw. erwachsenenbezogene Zugänge (Bennewitz, de Boer & Thiersch 2022). Zugleich liegen bislang wenige qualitativ vorgehende Analysezugänge vor, die die Relevanzen von Grundschulkindern im und außerhalb des Unterrichts abzubilden erlauben (z.B. Betz, 2022; Deinet et al., 2018; Kellock, 2020; Nentwig-Gesemann et al., 2025).
- Die Verbindung zu Unterrichtsqualität und Schulentwicklung bleibt häufig implizit: Es braucht stärker evidenzbasierte Aussagen dazu, welche Unterrichts- und Kontextmerkmale (z. B. Beziehungsgestaltung, Klassenklima, Ganztag, Übergänge) das Wohlbefinden von Grundschulkindern tragen – und wie dies in pädagogisches Handeln übersetzt werden kann (Kellock, 2020; Klemp et al., 2025; Nentwig-Gesemann et al., 2025; Yli-Pietilä et al., 2024).
Das Themenheft bündelt daher theorie- und forschungsbasierte Beiträge, die schulisches Wohlbefinden von Grundschulkindern begrifflich präzisieren, empirisch differenziert beschreiben, methodisch belastbar erfassen und Implikationen für Schul- und Unterrichtsqualität herausarbeiten. Beiträge aus dem deutschsprachigen Raum sind ausdrücklich willkommen; internationale Perspektiven sind ebenfalls erwünscht, sofern der Transfer zur Primarstufe klar herausgearbeitet wird.
Thematische Leitfragen
Eingereicht werden können Beiträge, die u. a. folgende Bereiche und Fragen adressieren:
- Konzept & Theorie: Welche Dimensionen schulischen Wohlbefindens sind in der Grundschule theoretisch tragfähig (z. B. affektiv, kognitiv, sozial, körperlich) – und wie sind Abgrenzungen zu benachbarten Konstrukten zu bestimmen?
- Modelle & Mechanismen: Welche theoretischen Modelle erklären Wohlbefinden im Grundschulalter (z. B. über Zugehörigkeit, Beziehungsqualität, perzeptive Partizipation/Selbstbestimmung, psychologische Grundbedürfnisse) und erlauben zu verstehen, was Wohlbefinden für Schüler:innen ‚ist‘ – und wie greifen sie mit Motivation, Leistung, Belastungserleben und Zugehörigkeit etc. zusammen?
- Empirische Evidenz: Welche robusten Befunde liegen zu Prädiktoren, Entwicklungsverläufen und Folgen schulischen Wohlbefindens in der Primarstufe vor (inkl. Subgruppen, Ungleichheit, Risiko-/Schutzfaktoren)?
- Messung & Methodik: Wie lässt sich Wohlbefinden bei Grundschulkindern altersangemessen, reliabel und valide erfassen (z. B. kindgerechte Skalen, Mixed-Methods-Designs, Mehrebenenmodelle, Invarianztests, partizipative Ansätze, kindorientierte Methoden)?
- Implikationen für Schul- und Unterrichtsqualität: Welche evidenzbasierten Ableitungen ergeben sich für Unterrichtsgestaltung, Klassenführung, Feedback- und Beziehungskultur, Förderung/Diagnostik, Zusammenarbeit mit Eltern, Ganztagsarrangements und Übergangsgestaltung?
Wir laden insbesondere ein:
- Theorie- und Übersichtsbeiträge, die Begriffe, Dimensionen und Modelle schulischen Wohlbefindens im Grundschulalter bündeln, vergleichend einordnen und für die Primarstufe präzisieren (inkl. Abgrenzung zu verwandten Konstrukten).
- Empirische Beiträge (quantitativ, qualitativ oder Mixed Methods), die primär kindliche Perspektiven (z. B. kindgerechte Selbstberichte, Interviews, Beobachtungen, Tagebücher/Experience Sampling, partizipative Designs) nutzen und Erfahrungen, Deutungen, Entwicklungsverläufe, Mechanismen sowie Kontextbedingungen schulischen Wohlbefindens in der Grundschule untersuchen – etwa mit Blick auf
- Unterrichts- und Interaktionsqualität (z. B. Beziehungsgestaltung, Klassenklima, Feedbackkultur),
- Übergänge (Elementarbereich → Grundschule; Grundschule → Sekundarstufe I),
- Ungleichheit, Risiko- und Schutzfaktoren sowie Subgruppen (z. B. Inklusion)
- Ganztag, ganztägige Arrangements der Bildung und Betreuung
- Erwünscht sind sowohl hypothesenprüfende als auch explorative sowie interpretativ-rekonstruktive Arbeiten – entscheidend ist, dass sie über reine Beschreibung hinaus zu Erklärung, zum Verstehen oder theoriegeleiteter Präzisierung sowie Modellbildung und Theorieentwicklung beitragen.
3. Praxis- und transferorientierte Beiträge, die evidenzbasiert zeigen, wie schulisches Wohlbefinden von Grundschulkindern in Unterricht, Förderung/Diagnostik, Beratung, Ganztag und Schulentwicklung gezielt unterstützt werden kann (z. B. Design-Based-Research, Design- und Evaluationsstudien, qualitative Prozess- und Wirkungsanalysen zu Gelingensbedingungen, Studien zur Implementierungsqualität, Reichweite und Übertragbarkeit von Interventionen und Unterrichtskonzepten, professionelle Lernangebote, Materialien/Interventionsbausteine).
Verfahren: Semi-Open Call & Extended Summary
Der Themenschwerpunkt kombiniert eingeladene Beiträge und Open-Call-Beiträge. Open-Call-Einreichungen werden durch die Gastherausgeberinnen in einem zweistufigen Auswahl- und Begutachtungsprozess betreut:
Schritt 1:
Einreichung von Abstract und Extended Summary (per E-Mail mit Betreff: Titel des Themenhefts) bis spätestens 01.04.2026 via ZfEWell-beingPrimary[at]uni-wuppertal.de. Bitte nennen Sie Autor*innen-Namen, institutionelle Zugehörigkeiten sowie die korrespondierende Person und E-Mail-Adresse:
- Strukturiertes Abstract (max. 250 Wörter) mit den Überschriften: Hintergrund, Ziel(e), Stichprobe(n)/Sample, Methode(n), Ergebnisse, Schlussfolgerungen (bei Theorie-/Reviewbeiträgen entsprechend angepasst).
- Extended Summary (600–1000 Wörter) mit Darstellung von Zielsetzung, theoretischem Rahmen, Material/Design/Methode, zentralen (erwarteten) Ergebnissen und wissenschaftlicher sowie bildungspraktischer Bedeutung.
Schritt 2:
Einladung zur Manuskripteinreichung ab ca. Juni/Juli 2026
Ausgewählte Einreichungen werden eingeladen, ein vollständiges Manuskript zwischen 01.11. und 30.11.2026 einzureichen. Die ZfE arbeitet im double-blind peer review.
Erste online-first-Publikationen sind nach der Annahme eines Beitrages sukzessive möglich, bis das Themenheft voraussichtlich Anfang 2028 erscheint.
Formalia (ZfE)
Alle Detailinformationen für die Manuskriptgestaltung erhalten Sie über die ZfE.
- Sprache: Deutsch oder Englisch.
- Umfang: Originalbeiträge max. 50.000 Zeichen inkl. Leerzeichen
- Abstract & Keywords: Abstract Deutsch und Englisch (je max. 1.200 Zeichen) sowie 3-5 Keywords in beiden Sprachen.
- Manuskripteinreichung: über den Editorial Manager (ZfE/Springer), anonymisiertes Manuskript; Formatierung nach ZfE-Hinweisen (Springer APA Style u. a.)
Referenzen
Bennewitz, H., de Boer, H., & Thiersch, S. (Hrsg.), Handbuch der Forschung zu Schülerinnen und Schülern. Waxmann.
Betz, T. (2022). Kindheitsforschung meets Schülerinnen- und Schülerforschung. In H. Bennewitz, H. de Boer & S. Thiersch (Hrsg.), Handbuch der Forschung zu Schülerinnen und Schülern (S. 33–44). Waxmann.
Deinet, U. & Muscutt, C. (2025). Die Sicht der Kinder auf Schule und Sozialraum. Beltz Juventa.
Hascher, T. (2004). Wohlbefinden in der Schule. Waxmann.
Hascher, T., Morinaj, J., & Waber, J. (2018). Schulisches Wohlbefinden: Einführung in Konzept und Forschungsstand. In K. Rathmann & K. Hurrelmann (Hrsg.), Leistung und Wohlbefinden in der Schule: Herausforderung Inklusion (S. 66–82). Beltz Juventa.
Hoferichter, F., & Schlesier, J. (2024). Striving to learn and feeling well? The effects of students’ achievement goal-orientation on their psychological and physical well-being over one school year. Zeitschrift für Erziehungswissenschaft, 28(2), 397–418. https://doi.org/10.1007/s11618-024-01270-3
Kellock, A. (2020). Children’s well-being in the primary school: A capability approach and community psychology perspective. Childhood, 27(2), 220–237. https://doi.org/10.1177/0907568220902516
Klemp, G., Urton, K., Krull, J., Bosch, J., & Wilbert, J. (2025). What does well-being at school mean to primary school students? Children’s understanding of basic psychological needs. International Journal of Educational Research Open, 8, Article 100442. https://doi.org/10.1016/j.ijedro.2025.100442
Losada-Puente, L., Fraguela-Vale, R., & Facal, A. (2024). Measuring school well-being in primary education: A systematic review. International Electronic Journal of Elementary Education, 16(5), 545–559.
Nentwig-Gesemann, I., Walther, B., & Lake, L. (2025). Lernen aus der Perspektive von Kindern: Resonanzerfahrungen des Lernens in ganztägigen Grundschulen. Bertelsmann Stiftung. https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/lernen-aus-der-perspektive-von-kindern-all
Niemack, J. (2019). Schutzfaktoren bei Kindern vor dem Übergang in die weiterführende Schule: Eine qualitative Studie. Diskurs Kindheits- und Jugendforschung, 14(1), 73–94. https://doi.org/10.3224/diskurs.v14i1.05
OECD (2023). PISA 2022 results (Volume I & II): Country notes—Germany. OECD.
Ömeroğulları, M., & Gläser-Zikuda, M. (2022). Relationships between school enjoyment, social integration, and achievement at the beginning of primary school: Does family background matter? European Journal of Psychology and Educational Research, 5(2), 127–143. https://doi.org/10.12973/ejper.5.2.127
Ömeroğulları, M., & Obermeier, R. (2022). Schulisches Wohlbefinden am Übergang in die Sekundarstufe: Vertiefende Analysen zu bildungsbenachteiligten Schüler:innen. Journal for Educational Research Online, 14(2), 25–54. https://doi.org/10.31244/jero.2022.02.02
Sakellariou, C. (2025). Reciprocal longitudinal effects between sense of school belonging and academic achievement: Quasi-experimental estimates using United States primary school data. Frontiers in Psychology, 16, 1502327. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2024.1478320
Schlesier, J., & Obermeier, R. (2025). Individual and contextual determinants of primary and early secondary school students’ school well-being: A discriminant analysis and cross-lagged panel model approach. Child Indicators Research. https://doi.org/10.1007/s12187-025-10239-5
Schnell, J., Saxer, K., Mori, J., & Hascher, T. (2025). Feeling well and doing well. The mediating role of school engagement in the relationship between student well-being and academic achievement. European Journal of Psychology of Education, 40, 48. https://doi.org/10.1007/s10212-025-00947-5
UNICEF Innocenti – Global Office of Research and Foresight. (2025). Innocenti Report Card 19: Child well-being in an unpredictable world. UNICEF Office of Research – Innocenti.
Yli-Pietilä, R., Soini, T., Pietarinen, J., & Pyhältö, K. (2024). How is students’ well-being related to their class teacher’s professional agency in primary school? European Journal of Psychology of Education, 39, 2341–2361. https://doi.org/10.1007/s10212-023-00781-7